“Lassen Sie es mich so sagen… Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit”

Manchmal hat man einfach Glück. Ein guter Freund lieh mir für eine längere Reise ein Buch. Nicht, dass ich nicht selbst mit ausreichend Literatur versorgt bin, aber hin und wieder mal was Neues kann ja nicht schaden. Außerdem hatte ich vor einigen Jahren den Schreiber dieses Buches live auf der Bühne der „Wühlmäuse“ erlebt. Damals hätte ich gern mitgeschrieben. Aber ich hatte nichts dabei und es ging auch viel zu schnell. Nun konnte ich also all die genauen, politisch brisanten, herrlich polemischen Gedanken nachlesen. Was habe ich mich wieder amüsiert. Und laut gelacht. Das hat Befremden ausgelöst bei meinen Zugnachbarn. Egal. Was für herrliche Bosheiten. Wie genau beobachtet! Georg Schramm gehört für mich zu den besten politischen Kabarettisten und Satirikern im Land – und von denen gibt es auch nur wenige.

Angeregt durch den Beitrag im Forum von Zeitzone DDR  über die Frage nach der Bildung wollte ich auch was Schlaues sagen, habe dann aber das  nachfolgende Kapitel dem Buch von Georg Schramm „Lassen Sie  es mich so sagen“ entnommen, der mir damit aus der Seele spricht.

Volksbildung – wozu?

„Wie konnte es zum Niedergang unseres Bildungssystems kommen? Ist es nur ein gewaltiges Versagen der politischen Klasse? Selbst wenn man die Personen kennt, die hierzulande die politische Klasse darstellen, mag ich es nicht glauben. Vielleicht hat es System.

Blicken wir zurück. Ein gut funktionierender Staat hat sich immer das erzogen, was er brauchte. Wissen Sie , warum der preußische König die Schulpflicht einführte? Diese Reform war damals ihrer Zeit weit voraus, aber sie war kein emanzipatorischer Akt, sondern nüchterne Notwendigkeit und Staatsräson. Ursache war eine Forderung des preußischen Generalstabs. Das Soldatenmaterial war bei Anlieferung minderwertig. Nach zehn Jahren Kinderarbeit blieben für die preußische Armee nur schwindsüchtige Krüppel übrig, die zu blöd waren, die Bedienungsanleitung eines modernen Zündnadelgewehrs zu lesen. Außerdem gab es massenhaft Kriegsveteranen, die auf der Straße rumlungerten.

Also brauchte der Staat eine Schulreform. Ergebnis: Mehr Schule als Kinderarbeit, weniger Krüppel und Analphabeten, und die Veteranen hatten als Dorflehrer wieder was zu kommandieren.

Der Intelligenztest wurde später auch nicht zur Begabtenförderung erfunden, sondern um Idioten von den komplizierten Waffen fern zu halten.

Oder nehmen Sie unsere Bildungsreform vor über 30 Jahren: Arbeiterkinder ins Gymnasium! Ein sozialdemokratischer Sieg? Pustekuchen. Ein wirtschaftlicher Sachzwang. Das brachliegende Humankapital musste ausgeschöpft werden. Die Wirtschaft brauchte hochqualifizierte Leute. Der liberale Bildungsbürger war immer nur Dekoration. Und heute ist er tot – und Westerwelle lebt.

Pädagogische Konzepte sind etwas für Festreden. Da wird vollmundig vom Volk der Dichter und Denker gefaselt, vom rohstoffarmen Deutschland, dessen größter Schatz die Bildung seiner Kinder ist. Und währenddessen fällt der Putz von den Wänden der Klassenzimmer. Wo bleibt die einflussreiche Lobby der Lehrer, die sich zu Hunderten in den Parlamenten tummelt, während ihr eigentlicher Arbeitsplatz jämmerlich vor die Hunde geht? Kann das wirklich nur eine ungeheuere Ansammlung von Fehlentscheidungen sein, oder steckt mehr dahinter? Dass unser hoch gelobtes Bildungssystem Heerscharen von PISA-Krüppeln produziert – bedauern das wirklich alle Verantwortlichen, oder sind Heuchler unter ihnen? Sind die PISA-Krüppel zu irgendetwas gut?

Es gibt massenhaft ausgebildete Leute, die niemand braucht. Die Arbeitsagenturen stehen mit leeren Händen da. Jeder größere Konzern beweist uns, dass er mit Entlassungen mehr Wachstum produziert, jede Entlassungsankündigung wird mit einem Kurssprung belohnt. Was uns fehlt, sind Konsumenten. Und bei denen kann doch ein gerüttelt Maß an Dummheit nur hilfreich sein.

Stellen Sie sich einen Augenblick vor, wir züchten Idioten. Dann lösen sich eine Menge Widersprüche auf. In keinem Land Europas entscheidet die soziale Herkunft eines Kindes derart über sein späteres Bildungsniveau wie in Deutschland. Allein das ist schon ein Skandal. Aber was bedeutet diese Tatsache in einem Land, in dem die Armut explodiert? Das Land züchtet einen soliden Stamm von schlichten Gemütern. Und den Verbraucherzentralen wird das Geld seit Jahren gekürzt. Auch das keine Fehlentwicklung. Der Pöbel soll gar nicht vergleichen, zögern, nachdenken. Er soll einfach den erstbesten Dreck kaufen, der angeboten wird. Das hat doch eine innere Logik. Mir hat das geholfen. Die Wut wird zwar noch größer, aber die intellektuelle Verwirrung lässt nach.

Wir brauchen Idioten, sonst frisst keiner Gammelfleisch. Halbwegs vernunftbegabte Schüler würden mit dem Handy nur telefonieren. Das wäre nicht gut für eine Wachstumsbranche.

Wenn junge Eltern ihren Kindern normale Nahrung zubereiten würden, wäre das eine Wachstumsbremse. Aber wenn Eltern ihren Blagen fünf BIG-Mac-Döner-Cola  in den Fettwanst drücken, dann ist das gut fürs Bruttosozialprodukt. Jeder BIG-MaC-Döner-Cola ist gut für die Nahrungsindustrie, und wenn sie den kleinen Fettwanst kurz vorm Platzen zum Arzt und in die Klinik bringen, ist das gut für die Gesundheitsindustrie.

Und wenn es lang genug so läuft, dann wird das Wachstum so groß, dass wieder alle Arbeit finden. Um das ungestraft sagen zu dürfen, braucht das Land ziemlich viele Idioten.

Fazit: Geistige Beschränktheit kann gesellschaftlich sinnvoll sein und für den Einzelnen eine Gnade – mit dem Satz könnte ich sogar Katholik werden.

Das war eine Polemik. Aber auch wenn man ernsthaft nachdenkt, kommt man nicht weiter. Was für Menschen braucht der Staat heute?

Die Brauchbarkeit ist immer oberstes  Gebot, der Rest eine Phrase.

Brauchen wir wirklich Frühförderung aller schon im Kindergarten? Wenn ja, warum darf dann jeder Dorfschulze die Kindergartengebühren erhöhen, wie er will, und muss sich nicht drum scheren, wer gar nicht im Kindergarten ankommt? Der Föderalismus ist einen Dreck wert, wenn er schon Vierjährigen die Chancengleichheit versagt, weil ein Kostenträger sich hinter dem anderen versteckt.

Anderes Beispiel: Brauchen wir wirklich junge Leute, die sich integrieren und fürs Gemeinwohl engagieren? Wenn ja, warum weisen wir sie dann aus? Bundespräsident Köhler hat kürzlich in Schloss Bellevue eine 17jährige Immigrantin für vorbildliches Engagement und Bürgersinn ausgezeichnet. Sie spricht fließend Deutsch und wird demnächst unmittelbar nach Abschluss ihrer Lehre ausgewiesen! Vorschrift! Die Rechtslage, kein Ermessensspielraum!

Und alles, ohne dass Köhler auch nur einen Finger krumm macht. Heuchelei im Amt!

Der Alte Fritz hätte solche Beamte in den Oderbruch zum Torfstechen verbannt, wenn sie seinen Willen als erster Diener des Staates derart ad absurdum geführt hätten.

Aber vielleicht weiß der Staat gar nicht mehr, welche Menschen wir brauchen, und überlässt das Ganze einem Hundt vom Arbeitgeberverband, der noch nicht mal einen Fußballclub in der Provinz führen kann. Wenn es nach dem Hundt geht, arbeitet der junge Mensch geistig flexibel für Billiglohn, finanziert davon seine und unsere Rente, konsumiert tüchtig, reist jedem Job hinterher und zeugt auf dem Weg nach Hause ein paar Kinder.

Den Lehrplan möchte ich sehen.

Aber lassen wir das. Was gelehrt und was gelernt wird, sind ohnehin  zwei Paar Schuhe. Kinder lernen nicht das, was wir sagen, sondern das, was sie sehen und erleben.

Und was sehen und erleben sie? Das Recht des Stärkeren gewinnt, nicht die Stärke des Rechts. Das sehen und erleben sie. Auf dem Schulweg, in der Klasse, an der Playstation, am Videospiel, in der Nachmittags-Talkshow. Sich dünn hungern bei Heidi Klum und Dreck fressen bei Dirk Bach, dem Gegenteil von Heidi Klum. Dafür gibt es Belohnung und Beachtung. Versuchen Sie mal, ihrem Kind zu erklären, wozu es gut ist, eine Haltung zu haben. Das versteht Sie nicht und denkt, es soll zum Orthopäden.

Die Deutsche Bank legt ihre Kleinanleger aufs Kreuz und wird dafür Europas „Bank des Jahres“. Solide, erfolgreiche Firmen werden zerschlagen und den Aktionären zum Fraß vorgeworfen. Und der Staat wird zum Hampelmann, dem die multinationalen Fondsverwalter das Steuerrecht diktieren.

Kräftig die Ärmel aufkrempeln und anpacken wird der Staat erst, wenn innere Unruhen das Land erschüttern. Aus Frankreich sieht man schon ein Wetterleuchten aufziehen. Dann wird der Staat Stärke zeigen. Die  Union sammelt schon die Truppen und Mehrheiten für den Bundeswehreinsatz im eigenen Land. Wer dann Terrorist ist, regelt eine Verordnung.

Wie reagiert jemand, der merkt, dass er mit 16 Jahren schon überflüssig ist und für nichts gebraucht wird? Wenn ganze Klassen keine Lehrstelle finden und Akademiker ihr 20. Praktikum für ein Mittagessen ableisten?

Gewaltverzicht predigen ist billig, eine real existierende Alternative bieten ist teuer. Kein Geld.

Brauchen wir sie wirklich nicht, die jungen Leute? Unsere Generation – die alten – werden bald ihre Hilfe brauchen, könnte man denken, Altenbetreuung ein Beruf mit Zukunft – falsch gedacht. Kein Geld für Pflegepersonal. Aber das Rettende für uns ist nah. In Japan ist ein Pflegeroboter in Erprobung, der schon zehn Grundbedürfnisse von Bettlägerigen unterscheiden und befriedigen kann. Wenn Sie Glück haben, hat er die Stimme von Senta Berger auf dem Antwortband. Wenn Sie Pech haben oder eine AOK-Chipkarte, dann werden Sie von einer Verona-Feldbusch-Sprechpuppe mit Spinat gefüttert. Und die ist von der Echten kaum zu unterscheiden.”

Georg Schramm

LassenSie es mich so sagen….

Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit

Karl Blessing Verlag GmbH München

Georg Schramm über die gezielte systematische Volksverdummung durch die heutige Medienlandschaft.

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Eine Antwort zu ““Lassen Sie es mich so sagen… Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit””

  1. folklore sagt:

    Stimmt, Schramm ist einer der besten Satiriker unserer Zeit, wobei einem ja manchmal schon das Lachen im Halse stecken bleibt, weil vieles bitterernst ist. Schramm hat in irgendeinem seiner Live-Programme auch mal vorgerechnet, dass niemand mehr arbeiten bräuchte und trotzdem 1.500 Euro Hartz IV bis VIII bekommt – das wäre locker zu finanzieren (wenn niemand älter als 55 wird).

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