Marktwirtschaft + Identität = “Ostpro”

Die Zeiten scheinen vorbei, als Ostdeutsche kurz nach der Wiedervereinigung alle Segnungen westdeutscher Konsumwelt ausprobieren wollten – verständlich, Neugier ist eine sehr menschliche Eigenschaft, teilweise gezwungenermaßen, da kaum noch ostdeutsche Produkte im Handel gelistet waren – und damit der ostdeutschen Wirtschaft den Gnadenstoß versetzten.

Heute hat man ihn wiederentdeckt, den lange vermissten Geschmack des Ostens. Einige ostdeutsche Produkte haben überlebt und  in den östlichen Bundesländern wieder Konjunktur – die großen Marken mittlerweile auch mehr und mehr im Westen Deutschlands.

Setzt sich hier Qualität durch? Oder ist es das Bedürfnis nach etwas Eigenem, nach einer ostdeutschen Identität?

Alle Umfragen belegen, Ostdeutsche fühlen sich zu großen Teilen auch nach 20 Jahren im vereinigten Deutschland immer noch als Bürger zweiter Klasse.  Sie verdienen weniger. Ihre Renten sind kleiner. Ihre Lebensleistung wird nicht anerkannt, sondern eher belächelt oder gar lächerlich gemacht. In Unternehmensvorständen – auch in im Osten gelegenen Betrieben – und im Bundestag  sind sie unterrepräsentiert. Und Meinungen, die von Ostdeutschen geäußert werden, ganz gleich, in welchem Kontext, müssen im Gegensatz zu Äußerungen von Westdeutschen zunächst auf ihre Vergangenheitslastigkeit geprüft und bewertet werden.

Wen wundert es da, dass auch die gerade am letzten Sonntag zu Ende gegangene “Ostpro” – die Verkaufsmesse für Ostprodukte – in Berlin wieder regen Zulauf hatte.  Ich habe mich in die bald 100 Meter lange Schlange an der Kasse eingreiht.  Und allgemeine Heiterkeit machte sich breit, als ein älterer Herr meinte: “Das Schlangestehen haben wir ja geübt.”  Der Eintrittspreis von nur einem Euro ist auch ein Grund, warum sich hier vor allem Ostdeutsche drängten. Viele können sich einen Besuch der “Grünen Woche” mit Kind und Kegel einfach nicht leisten.

Erfreulich war, hier alte Bekannte wiederzutreffen: Esda, Rotstern,  Wikana  und viele andere. Auch Badusan ist wieder da und ich habe gleich eine Nase des altbekannten Duftes von Rosskastanie und Koniferen genommen, etwas streng und nicht Mainstream, aber erinnerungsträchtig.  -”Baden mit Badusan, Badusan, Badusan….” – so schäumte es trällernd  in den 60ern  und bis 1976 in Tausend-Tele-Tips aus dem Fernsehgerät.

Heute darf die Wilsdruffer Firma, die  “Badusan” in Nachfolge der insolventen Firma “Gerana” herstellt und vertreibt, dieses Liedchen und den Werbespot nur gegen Lizenzgebühr an den RBB nutzen.  Die Söhne des Inhabers berichten:  Obwohl die Badusan GmbH Markeninhaber ist und der Spot allein für dieses Produkt wirbt, müsste sie, um ständigen Lizenzgebühren zu entgehen, die Rechte an “ihrem” Werbespot für 200.000 € vom  RBB erwerben, was für so ein kleines Unternehmen völlig illusorisch ist. -
Dem Einigungsvertrag und der Marktwirtschaft sei an dieser Stelle Dank.

Und so müssen auch alle anderen dafür bluten, wenn Werbung oder Figuren  des  DDR-Fernsehfunks, wie Sandmännchen, Pittiplatsch, Schnatterinchen  oder Meister Nadelöhr, die man im Osten für ein allgemeines Gut gehalten hat,  in Bild und O-Ton verbreitet oder für Produkte genutzt werden sollen. Wer weiß, auf welchen Wegen ostdeutsches Kulturgut vermarktet wird, wird sich bei  jeder Erhöhung der GEZ-Gebühren seinen Teil denken.

Apropos Vermarktung: Ostdeutsche Unternehmen sind lernfähig  – ostdeutsche Verbraucher müssen das Rechnen noch üben. Da ist zum Teil der Vertrauensvorschuss zu hoch. Wer würde sonst die Ostpro mit einer großen Tüte – über das Produkt breite ich den Mantel des Schweigens – mit diesem  Supersonderangebot,  “heute 7  Päckchen für nur 5,00 €!”, verlassen? – Obwohl man doch ganz genau weiß, dass 1 Päckchen in fast jedem Supermarkt  für 49 Cent zu haben ist. ….

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