Mein Enkel hatte sich angekündigt, was leider eher selten passiert. In seinem Alter sind Omabesuche nicht mehr so spannend. Was fängt man nun an so einem Sonntag an? Billardspielen? – Da hätte ich keine Chance. Sonntagsspaziergang? – Da hat er keinen Bock. Flimmerkiste? – Kommt gar nicht infrage. Das Wetter ist gut und er hock eh zu oft vor dem PC!
Zu meiner Zeit interessierten sich Jungs mit 13 für Technik. Also packen wir uns nach dem Frühstück ins Auto und ab nach Harnekop. – Noch nie gehört?
So sollte es auch sein und war es zu DDR-Zeiten vom Ministerium für Nationale Verteidigung auch geplant. Niemand sollte wissen, dass im Wald neben dem kleinen Dorf Harnekop der zentrale Führungsbunker des MfNV entstand. Und die Maßnahmen zu Tarnung und Desinformation waren so gut, dass selbst in späteren Jahren, als bereits Satelliten jeden Quadratmeter des Planeten überwachten, der westdeutsche Geheimdienst keinen Schimmer hatte und vom “Atombunker Harnekop” erst 1990 erfuhr.
So kommt man heute hin:

Wir haben uns sehr beeilt – sind das letzte Stück mit 100 km/h durch den einsamen Wald gebrettert -, um rechtzeitig zur Besichtigung um 10.00 Uhr anzukommen. Wir waren etwas zu spät, aber immer noch zu früh, weil als Einzige da. Für anderthalb Leute findet keine Führung statt.
Also haben wir uns erst mal in die Sonne gesetzt und abgewartet, ob sich noch wer einfindet.

Im Bunker-Shop hatte ich eine kleine Broschüre gekauft und erfuhr so, dass der Bunker als so genanntes “Schutzbauwerk” in den Jahren 1971 bis 1976 projektiert und unter dem Tarnnamen “Flugwetterstation” gebaut und in Dienst gestellt worden war und von einer sechs Millimeter starken geerdeten Stahlhülle umgeben ist, um elektromagnetische Impulse hoher Intensität – wie bei einem Faradayschen Käfig – ableiten zu können.
Gegen halb 11 Uhr hatten sich noch einige Besucher eingefunden. Ich drückte meinem Enkel die Kamera in die Hand und wir stiegen in die Unterwelt.



Als wir den ersten Raum betraten, liefen wir ein wenig wie auf Eiern. Der Boden schien leicht zu schwanken – und wir erfuhren, dass sämtliche Räume auf Stahlfedern gelagert und mit einer Sollbruchstelle im Ixel zur Wand ausgestattet sind, um auch einem Atomschlag zu widerstehen.

Mein Enkel war in seinem Element und ich hörte das ständige Klicken der Kamera:



Die Überwachungsmonitore hängen ebenfalls an Federn. ARD und ZDF sind einprogrammiert.




Nach der Wende hatte jemand anscheinend Verwendung für die Dieselaggregate, so dass nur noch ein Bild von ihnen abzulichten war.


Die zentrale EDV-Anlage entsprach dem neuesten technischen Stand der 70er Jahre. Der Arbeitsspeicher hatte gigantische 4 Megabyte.


Ein an Stahlfedern aufgehängter begehbarer Kühlschrank.


So speiste die Mannschaft…

.. so der Kommendeur…

… und so die Offiziere.

In je drei übereinander an den Decken hängenden Betten wurde in drei Schichten je 28 Mann geschlafen. – Wer Abenteuer liebt, kann sich hier für ein Wochenende einmieten.

Hier entspannte der Minister. (Die Schmuckfahne als Sofa-Überwurf entstammt der überbordenden Dekorierfreude der heutigen Bunkeraktivisten.)



Der vormals vor dem Schreibtisch des Ministers stehende große eicherne Besprechungstisch hat nach der Wende ebenfalls einen Liebhaber gefunden.





Zentrale Wasserversorgung im dritten Untergeschoss – Brauchwasser, Trinkwasser und Abwasser.



Wir wurden gut betreut und haben aus dem Labyrint der Gänge wieder ans Tageslicht gefunden.

Es war ein spannender Ausflug in die Unterwelt bei (sommers wie winters) konstanten 12 Grad Celsius. Auf dem Rückweg haben wir uns noch einen Eisbecher in der Sonne gegönnt.
Wer nun neugierig geworden ist, kann sich auf der Seite des Vereins Atombunker Harnekop weiter informieren. Für Technikfreaks werden auch Spezialführungen angeboten.
Tags: Atombunker, Harnekop, MfNV, Ministerium für Nationale Verteidigung, Unterwelt