Dieses kleine Büchlein fand sich auf einem Bücherflohmarkt vor einigen Wochen. 50 Cent hat es gekostet – und mich nach dem Lesen eine Menge Nachtschlaf.
Der Name Walter Janka war mir nicht ganz unbekannt. Ich wusste, dass er Leiter des Aufbau-Verlages in den 50er Jahren war, dass er verhaftet wurde. Namen wie Merker und Harich – davon hörte ich auch. Irgendwann, zu Beginn der 80er Jahre. Gegner des Stalinismus seien sie gewesen und hätten bitter dafür bezahlt. Es war offiziell nichts über Janka zu erfahren, er gehörte aber immer sofort zu denjenigen, die unter der Hand aufgezählt wurden, wenn es um Kritik an den bestehenden Situationen in der DDR ging.
Kurzer Auszug aus “Schwierigkeiten mit der Wahrheit”:
DIE VERHAFTUNG
“Auf der Treppe hatten sich viele Mitarbeiter eingefunden.
Alle Lektoren und Redakteure. Stumm verabschiedeten sie sich
von ihrem Chef. Unverkennbar war die Empörung gegen die
Männer, die ihn in die Mitte genommen hatten. Bevor Janka
auf die Straße geschoben wurde, musste er die Ärmel zurück-
schieben, um Platz für die Handschellen zu machen. Ein Mitarbeier trat heran und wollte noch etwas sagen. Er kam nicht dazu.
Die Männer stießen ihn zurück. Auf der Straße standen schwarze
Limousinen bereit. Sie bildeten den Konvoi, der Janka ins Gefängnis
brachte.”
Auszug aus dem Nachwort von Michael Rohrwasser:
“Alfred Kantorowicz schrieb 1957. ‘… Mein Spanienkamerad Walter Janka, der Leiter des Aufbau-Verlages, saß irgendwo an unbekanntem Ort – niemand durfte wissen, wo – in einem Verlies der “Hilde-Benjamin-Justiz”, ohne sich ein Geständnis erpressen zu lassen.’
Das Schweigen und das Nichtwissen, das Nichtwissenwollen, haben lange angehalten. Nur bei Stefan Heym (der in seinem Roman “Collin” Janka als Havelka porträtierte), bei Hans Mayer (der in zweiten Band seiner “Erinnerungen” die These vertrett, das Ulbricht zu Lebzeiten Brechts die Verhaftung Jankas nicht gewagt hätte), bei Erich Loest (der sich in seinem autobiographischen Versuch “Durch die Erde ein Riss” des Bautzner Mithäftlings Janka erinnert) oder bei Gerhard Zwerenz stößt man auf Jankas Namen. Zwerenz schreibt in dem Band “Ärgernisse”: ‘Wer denn, wenn nicht wir, sollte nun endlich aufstehen und bezeugen, was geschehen ist und geschieht. Dieser Walter Janka ist schwerkrank. Dieser Walter Janka verhandelte, als er noch Leiter des Aufbau-Verlages war, mit so manchem bekannten Autor und Verleger. Wo sind diese Leute nun? Was unternahmen sie, unternehmen sie? Ist es ihnen so gleichgültig, dass ein Mann, mit dem sie eben noch Geschäfte abschlossen, dem sie ihre Bücher anvertrauten, von dem sie sich Honorare zahlen ließen, dass dieser Mann jetzt schwer leberkrank in seiner Zelle liegt?’
Am 23. Dezember 1960 wurde Walter Janka vorzeitig aus der Haft entlassen, eine Folge der anhaltenden Proteste, die vor allem von Jankas westlichen Autoren und Freunden kamen, etwa von Erika Mann, die bei Becher intervenierte und ihre Bereitschaft erklärte, für Janka die ‘Hände ins Feuer’ zu legen, von Katja Mann, die Chruschtschow persönlich schrieb, von Halldor Laxness, der sich an Wilhelm Pieck wandte und von Janka als seinem ‘einzigen Freund in Deutschland’ sprach, von Leonhard Frank, Lion Feuchtwanger, Günther Weisenborn, Johannes von Guenther und Hermann Hesse. Auch Hermann Kesten richtete seine Protestbriefe als PEN-Vorsitzender an Johannes R. Becher. In der DDR haben Erich und Katja Arendt, Arnold Zweig und Hanns Eisler versucht, Janka zu helfen.”
In der Nachwendezeit ist mir dieses schmale Heft nicht aufgefallen.
Heute – jetzt, nach dem Lesen dieses Essays – wünsche ich mir dringlich, ich hätte ihm sagen können, wie sehr er mich beeindruckt.
Ich bin in Kleinmachnow geboren. Meine Eltern und Großeltern wohnten dort. Dass Walter Janka in Kleinmachnow lebte und erst 1994 starb, wusste ich nicht. Ich hätte ihn gern besucht, um ihm zu danken, für seinen Mut, seine Kraft, seine Ehrlichkeit.

Tags: Aufbau-Verlag, Haft, Stalinismus, Wahrheit, Walter Janka